Markus 1:2

"wie es bei dem Propheten Jesaja steht: 'Ich sende meinen Boten vor dir her, er soll den Weg für dich bahnen.' " (Einheitsübersetzung 1980, Luther 1545)

Über einen Propheten sagt der biblische Gott in 5 Moses 18,18: „Ich will ... meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen (den Menschen) reden alles, was ich ihm gebieten werde.“ Im Verständnis der Bibel ist der Prophet ein Mittler, ein Sprecher, der Gott hören kann und sich im Namen Gottes an die sündigen, entfremdeten Menschen wendet, um ihnen die Regeln für ein adäquates Verhalten gegenüber den Mitmenschen und dem Weltganzen verkündet bzw. bewusst macht.

Ob es einen Unterschied zwischen einem Propheten und einem Boten gibt, sei dahingestellt und ist wohl auch nicht besonders relevant. Fest steht: Ein Bote ermöglicht im einfachsten Fall und ganz allgemein die Kommunikation zwischen zwei Kommunikanten, die sich in zwei verschiedenen Topoi befinden und daher nicht direkt miteinander kommunizieren können. Wäre dem nicht so, bräuchte es keinen Boten.

Der Bote kennt beide Seiten, beide Orte. Gott muss sich nach dieser Logik an einem anderen Topos befinden als der Adressat, der in diesem Vers mit „dir, dich“ angesprochen wird. Dieser Ort des Adressaten, wo Gott nicht ist oder besser: sich nicht direkt manifestieren kann, muss die Fremde der vom göttlichen Gesamtprozess entfremdeten Menschen sein. Der Bote selbst kann nicht entfremdet sein. Er ist zwingend jemand, der die Entfremdung überwunden und somit zu beiden „Welten“ Zugang hat: zu derjenigen des „Mammon“, der Entfremdung, weil er ihr vor seiner „Umkehr“ angehörte wie die meisten Menschen in einer Unkultur, und derjenigen Gottes, des Inneseins mit dem göttlichen Gesamtprozess, zu welcher er durch seine Kehrtwende zurück gefunden hat. Folglich ist der Angesprochene der entfremdete Mensch. Ihm wurde von Gott ein Bote geschickt, der zu beiden Welten Zugang hat. Mit dem Boten kann nur Jesus und hier ganz am Anfang des Evangeliums Johannes der Täufer gemeint sein.

Weshalb schickt das göttliche Weltganze den „Sündern“ einen Boten? Es könnte ja auch einfach in sich verharren und alles geschehen lassen, auch die Entfremdung der Menschen. Durch die Entfremdung der Menschen, durch ihre geistige und praktische Abspaltung in die künstliche Welt irrationaler Vorstellungen (Geld, Macht, Konkurrenz, etc.) wird die Harmonie des Ganzen verwundet. Diese Wunde erzeugt nicht nur immer mehr Leid bei den betroffenen Menschen, sondern auch bei Gott. Es ist ein essentielles Bedürfnis des göttlichen Gesamtprozesses, die Entfremdeten wieder zu sich zu holen. Genau dieses Bedürfnis bildet sich auch in den Boten ab. Johannes und dann noch viel mehr Jesus können nicht in ihrer bloßen „Erleuchtung“ zur Rückkehr bleiben. Sie müssen es den anderen entfremdeten Menschen kundtun und sie ebenfalls zur Umkehr bewegen.

Auch Jesus hat jemanden gebraucht, der ihm den Weg zu Gott ebnet. Dieser Wegebner für Jesus war Johannes der Täufer. Der Weg Jesu zurück in das allein relevant prägende Kraftfeld des Gesamtprozesses erreicht in der Empfängnis des „Heiligen Geistes“ sein vorläufiges Ziel. Nach Johannes‘ Tod ist es allein Jesus, der den Entfremdeten den Weg zu Gott ebnet.

Man kann nun auch sagen, dass der eigentliche „Bote und Abgesandte“ (griech. Angelos) weniger die Person Johannes oder Jesus ist, sondern die übermittelte frohe Botschaft (das „Wort Gottes“) selbst, dass und wie der leidende entfremdete Mensch seine Menschlichkeit und sein Glück auf den durch den Boten geebneten Weg finden kann.

Neuformulierung: Wie der ganze Weltzusammenhang schon durch seinen von ihm inspirierten und gesandten Propheten Jesaja es uns als Niederschrift vermittelte: „Siehe, ich sende Dir einen Boten mit einer Botschaft, die dich aus der Entfremdung führen wird.“

Anmerkungen:

  1. Hypothese: Diese Botenfunktion zur Überwindung der Entfremdung, ist das nicht die Aufgabe des Volkes Israels? Wurde es nicht deshalb von „Gott erwählt“? Die Erfahrung, die das Evangelium vermittelt, ist die Grunderfahrung der Israeliten, als sie von ihrem ersten Propheten Moses aus Ägypten, dem paradigmatischen Hort des entfremdeten Wahns, herausgeführt wurden in die Wüste, um sich dort zu besinnen und damit zu Gott zurückzufinden. Die Wüstengänger Johannes und Jesus sind somit Symbole für Israel, dem Gottesvolk, das die Umkehr vollzogen hat und den anderen Völkern den Weg zurück zum göttlichen Gesamtprozess zeigt. Allerdings wird dieses Volk Israel immer wieder von Ägypten, von der Mammon-Unkultur korrumpiert. Johannes der Täufer und Jesus wollen diese Korrumpierung überwinden und das Volk Israel wieder in seine Rolle als Wegweiser zurück führen.

  2. Man kann in der gesamten Bibel den Bericht sehen, wie der Mensch immer wieder der Sünde verfällt und zur Umkehr gebracht werden muss: die Arche Noah, der Auszug aus Ägypten oder die Taufbewegung des Johannes. Dies ist eine zyklische Geschichtsauffassung! Das Wirken und schließlich die Kreuzigung Jesu könnte als äußerste und letzte Konsequenz der Umkehr und Ausstieg aus dem ewigen Sündenzirkel gedeutet werden. Oder ist der vollendete Jesus-Mensch wieder ein Ausgangspunkt für Erneute Korruption? Die unrühmliche Entwicklung aller christlichen Kirchen deuten auf Letzteres.  

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